Sidebar im Profilzylinder einfach erklärt
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Der Großteil der Profilzylinder, die heute in deutschen Türen sitzen, arbeitet mit Stiftzuhaltungen. Der richtige Schlüssel hebt eine Reihe federbelasteter Stifte auf eine gemeinsame Linie, dann dreht der Kern. Manche Hochsicherheitszylinder setzen neben diese Stiftreihe ein eigenes Sperrwerk, das längs im Kern liegt. Bei manchen tritt es ganz an die Stelle der Stiftreihe. Im englischen Schlosserjargon heißt es Sidebar, deutsche Hersteller schreiben Sperrleiste oder Sperrbalken. Wer wissen will, was in einem Hochsicherheitszylinder anders läuft, landet bei dieser Leiste.
Was eine Sidebar im Zylinder macht
Wo diese Sperre sitzt und was sie zum Zurückweichen bringt, gehe ich Schritt für Schritt durch.
Der Kern dreht erst, wenn alle Sperren frei sind
Stellen Sie sich einen runden Holzpflock vor, der in einer passgenauen Bohrung in einer Holzplatte steckt. Mit der Hand lässt er sich greifen und drehen. Im Fachjargon heißt der Pflock Zylinderkern, kurz Kern, die umgebende Platte ist das feste Zylindergehäuse. Die feine Spalte dazwischen heißt Trennfuge, oder Scherlinie. Damit der Pflock nicht frei dreht, gibt es Sperren, beim normalen Profilzylinder genau eine, die Stiftreihe. Ein Sidebar-Zylinder hat eine zweite dazu.
Die klassische Stiftreihe greift in die Trennfuge zwischen Kern und Zylindergehäuse. Jeder Stift besteht aus zwei Stücken, dem Kernstift im Kern und dem Gehäusestift im Gehäuse. Eine Feder drückt den Gehäusestift teilweise in den Kern. Im Ruhezustand ragt er über die Trennfuge und blockiert die Drehung. Der richtige Schlüssel drückt jeden Kernstift so weit, dass die Trennstelle der beiden Stücke auf der Trennfuge liegt. In diesem Moment überbrückt kein Stift mehr die Trennfuge, der Kern wird frei und dreht.
Die Sidebar liegt längs in einer Nut im Kern, bei einem Großteil der Bauformen seitlich auf drei oder neun Uhr. Sie ist eine schmale Leiste, und eine Feder drückt sie radial nach außen. Im Ruhezustand ragt ihre Außenkante über die Trennfuge in eine Längsnut im Gehäuse. Damit liegt sie in Kern und Gehäuse zugleich, wie der Gehäusestift weiter oben, und blockiert die Drehung von der Seite. Eine Ausführung aus dem Automobilbau dreht das Prinzip um, dazu weiter unten mehr.
Die Drehkraft drückt die Leiste nach innen
Damit der Kern dreht, muss die Sidebar ganz in ihn zurückwandern. Das geht nicht von allein, die Feder drückt sie ja nach außen. Diesen Rückzug erzwingt die Drehkraft, die der Schlüssel aufbringt. Außenkante der Leiste und Gehäuse-Nut sind so geformt, dass sie schräg aufeinandertreffen, mal ist die Leiste angeschrägt, mal die Nut, manchmal beides. Sobald der Schlüssel den Kern unter Drehspannung setzt, wirken die beiden Flächen wie ein Keil. Die Drehkraft drängt die Sidebar gegen die Federkraft nach innen.
Ob die Sidebar nach innen weichen kann, entscheidet die zweite Bedingung. Beim Großteil der stiftgesteuerten Bauformen sitzt auf ihrer Innenseite ein Kamm aus kleinen Zapfen. Sie reichen durch Bohrungen in der Kernwand bis an die Stifte. Stehen die Stifte falsch, drücken ihre glatten Flanken gegen die Zapfen und blockieren den Rückzug der Leiste. Steht jeder Stift richtig, liegt seine Aussparung vor dem zugehörigen Zapfen. Je nach Bauart ist diese Aussparung eine Bohrung, eine umlaufende Rille oder eine längs verlaufende Nut an der Flanke. Die Zapfen tauchen ein, die Leiste wandert komplett in den Kern, die Gehäuse-Nut wird frei und der Kern dreht.
Bei einzelnen Bauarten ist das Verhältnis umgedreht, dann trägt die Leiste die Schlitze und die Stifte die Vorsprünge. Bei den Bauformen mit Scheiben, Hebeln oder Plättchen fährt die Leiste selbst in deren Aussparungen. Die Magnet-Bauform arbeitet wieder mit Zapfen, dazu weiter unten mehr.
Zwei Bedingungen gelten also, die richtige Stellung der Zuhaltungen und die seitliche Freigabe. Beide müssen im selben Moment stimmen. Was richtige Stellung heißt, ist je nach Bauform eine Höhe, ein Winkel oder beides zugleich. Bei manchen Bauformen erledigen das zwei getrennte Zuhaltungsreihen, bei anderen dieselbe Reihe mit zwei Aufgaben. Trägt der Schlüssel dafür eine seitliche Fräsung, schützt das nebenbei gegen Nachmachen, denn eine gewöhnliche Kopiermaschine erzeugt sie nicht.
Die sechs Bauformen und wie sie funktionieren
Sidebars sitzen in ganz unterschiedlichen Bauformen. Was die Leiste im Kern freigibt, unterscheidet sich von Familie zu Familie. Es sind Scheiben, Hebel, gehäusestiftlose Stifte, flache Plättchen, Stifte mit einer zusätzlichen Abfrage oder Magnetrotoren. Sechs Familien, die ich der Reihe nach durchgehe. Die Grenzen verlaufen stellenweise fließend, einzelne Schlösser passen in zwei Familien. Das Grundbild aus dem vorigen Kapitel passt auf den Großteil.
Die Geschichte beginnt bei skandinavischen Vorhängeschlössern, bei denen schon im achtzehnten Jahrhundert der Bügel die Sperrleiste war. Sortiert ist die Reihe nach Bauprinzip, nicht nach Jahren.
Die Disc-Sidebar und die Abloy-Linie ab 1907
Die Disc-Sidebar geht auf eine skandinavische Schlosstradition zurück. In der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts ließ Christopher Polhem im schwedischen Stjärnsund Uhren und Schlösser herstellen. Bei den skandinavischen Vorhängeschlössern dieser Bauart war der Bügel selbst die Sperrleiste. Er ließ sich erst aus dem Korpus ziehen, wenn die Scheiben im Inneren richtig standen. In dieselbe Familie gehört das Scheiben-Schloss, das der Finne Emil Henriksson 1907 entwarf und 1919 zum Patent anmeldete. Daraus wurde die Marke Abloy.
Stellen Sie sich einen Stapel runder Holzscheiben vor, lose in einer Trommel, jede einzeln verdrehbar. Jede Scheibe trägt am äußeren Rand eine Aussparung, im Fachjargon Gate, deren eine Flanke abgeschrägt ist. Daneben liegt eine schmale Längsleiste. Solange auch nur eine Scheibe verdreht steht, blockiert ihr runder Rand die Leiste. Fluchten alle Gates, findet die Leiste über die ganze Stapellänge eine durchgehende Rinne und rastet ein.
Im Profilzylinder steckt dieser Stapel im Zylinderkern. Statt der Stifte aus dem Grundbild sitzt im Kern eine Trommel, und darin liegt ein Stapel Scheiben aus Zinnbronze. Zwischen je zwei Scheiben liegt eine Trennscheibe. Sie ist mit der Trommel verzahnt und dreht mit ihr, damit keine Scheibe ihre Nachbarin mitschleppt. Die Sidebar liegt in einer Längsnut und federt nach außen. Im Ruhezustand ragt ihre Außenkante über die Trennfuge in eine Längsnut im Gehäuse.
Die Scheiben dreht der Schlüssel. Er hat im Querschnitt die Form eines Halbkreises, flach auf einer Seite, rund auf der anderen. Auf der runden Seite reiht sich eine Folge von Einschnitten, einer pro Scheibe, jeder in einem von sechs möglichen Winkeln gefräst. Der flachste dieser Werte ist gar kein Schnitt. Das Schnittmuster eines Schlüssels heißt im Schlosserjargon Bitting.
Beim Einschieben passiert noch nichts. Gegen die Scheiben drückt keine Feder, der Schlüssel läuft widerstandsfrei hinein, und die Gates bleiben verstreut stehen. Erst die Vierteldrehung des Schlüssels nimmt jede Scheibe über ihre D-förmige Innenöffnung mit. Je flacher der Einschnitt an ihrer Stelle, desto weiter dreht sie sich. Am Ende der neunzig Grad fluchten alle Gates in einer Linie. Im selben Zug drückt eine Schräge in der Gehäusewand die Sidebar nach innen. Sie gleitet in die Rinne, verlässt die Gehäuse-Nut, und der Kern dreht weiter.

Die Lever-Sidebar arbeitet mit Hebeln statt Stiften
Die Lever-Sidebar setzt auf Hebel statt auf Stifte, Scheiben oder Plättchen. Die einen schwenken um eine gemeinsame Achse, die anderen schieben sich der Länge nach in den Zylinder. Beide gehören in dieselbe Familie. Das Musterstück ist das Modell 484 der französischen Firma Fichet, 1949 in Frankreich zum Patent angemeldet. Es ist kein Profilzylinder, es ist ein Monoblock-Schloss mit sechsundzwanzig Millimeter starken Zylindern. Fichet fusionierte erst 1967 mit Bauche.
Das Holzmodell dazu braucht mehr Teile, nämlich zehn kleine Wippen, je fünf in einer oberen und einer unteren Reihe. Die fünf Wippen einer Reihe sitzen auf einer gemeinsamen Schwenkstange. Jede liegt mit ihrem Bauch auf einer winzigen Kugel und drückt mit dem anderen Ende auf eine Feder. Am äußeren Rand trägt jede Wippe eine Aussparung. Unter jeder Kugel führt eine Bohrung bis in den Schlüsselkanal, wo eine schräge Rampe des Schlüssels vorbeiläuft. Drückt die Rampe die Kugel nach oben, kippt die Wippe zur Seite, je nach Rampenhöhe unterschiedlich weit. Neben jeder der beiden Reihen liegt eine eigene Sidebar.
Der Schlüssel trägt zwei Klingen, die zusammen ein H-förmiges Profil ergeben. Vier Rampen sitzen darauf, zwei je Klinge, und sie berühren ausschließlich die Kugeln, nie die Wippen selbst. Die beiden Rampen, die eine Wippen-Reihe bedienen, sitzen am selben Ende des H, je eine auf jeder Klinge. Ihre Schnitte sind gegeneinander versetzt, drei auf der einen und zwei auf der anderen, zusammen also fünf Wippen. Sie sind so geschnitten, dass benachbarte Wippen gegenläufig kippen, damit ihre Aussparungen am Ende fluchten.
Erst wenn alle fünf Aussparungen oben und alle fünf unten fluchten, können die beiden Sidebars in ihre Rinnen zurückweichen. Dann ist der Kern frei und dreht.
Zwei unabhängige Wippen-Sätze und zwei Sidebars gleichzeitig, das kommt aus einem Haus, das 1825 als Pariser Schlosserei anfing. Seinen ersten modernen, feuerfesten Tresor baute es 1840, und 1879 fertigte es bereits Banktresorräume mit Schließfächern.
Neben Frankreich bauen auch Hersteller in Italien, Großbritannien und Japan Schlösser dieser Familie.

Die Driverless-Pin-Sidebar und die BiLock-Linie ab 1981
Bei dieser Bauform fehlt der Gehäusestift aus dem Grundbild. Beim BiLock bleibt die Feder, sie sitzt über jedem Stift und drückt ihn direkt nach unten auf den Schlüssel. Der Australier Brian Preddey meldete 1981 das Patent für dieses System an.
Im Holzmodell stehen jetzt zwei Reihen Pfosten, sechs pro Reihe, senkrecht aufgestellt. Jeder Pfosten trägt an einer Seite eine senkrechte Nut, in der ein Zapfen der Leiste mitläuft. Damit lässt sich der Pfosten schieben, aber nicht verdrehen. Auf einer bestimmten Höhe wird die Nut zu einem Loch. Die Leiste hat sechs Zapfen, einen pro Pfosten, und erst wenn alle sechs Löcher davorstehen, kann sie ganz eintauchen.
Im Profilzylinder ist das die Konstruktion des Kerns. Zwölf Stifte stehen in zwei parallelen Reihen links und rechts von zwölf Uhr. Über jedem sitzt eine Feder, einen Gehäusestift gibt es nicht. Auf drei und neun Uhr liegen zwei Sidebars, je eine pro Stiftreihe, nach außen gefedert und im Ruhezustand in Längsnuten des Gehäuses. Jede trägt einen Kamm aus sechs Zapfen.
Stehen alle zwölf Stifte auf der richtigen Höhe, fluchten ihre Bohrungen mit den Zapfen. Sobald der Schlüssel den Kern unter Drehspannung setzt, laufen die angeschrägten Kanten beider Sidebars aus ihren Gehäuse-Nuten und werden nach innen gedrängt. Die Zapfen tauchen in die Bohrungen, beide Leisten geben die Trennfuge frei, und der Kern dreht.
Der Schlüssel selbst ist ungewöhnlich geformt. Aus einem gefalteten Stahlblech entsteht eine U-Form mit zwei Klingen, jede mit ihrem eigenen Schnittmuster an einer Kante. Beim Einschieben hebt jede Kante die sechs Stifte ihrer Reihe auf die passende Höhe.
Wie schwer sich diese Bauform manipulieren lässt, hängt an den Stiften selbst. Tragen sie zusätzlich Bohrungen in falscher Tiefe, in denen sich die Zapfen verhaken, gilt der Zylinder als schwer angreifbar. Ohne diese Blendbohrungen fällt das Sicherheitsniveau deutlich ab. In dieselbe Familie gehört ein kleinerer, ebenfalls gehäusestiftloser Medeco-Zylinder für Automaten, Kassetten und Münzfernsprecher, Patent von 1971. Bei ihm dreht sich zusätzlich zur Höhe noch jeder seiner vier oder fünf Stifte. Damit sitzt er zugleich in der übernächsten Familie und verbindet beide Bauprinzipien.

Die Wafer-Sidebar und ihre Linie ab 1875
Das Sidebar-Prinzip im Zylinder taucht schon 1875 in einem Patent auf. Angemeldet hat es Philo S. Felter aus Cazenovia im Staat New York, und es beschreibt ein Plättchen-Schloss, bei dem eine Leiste in Kerben der Plättchen greift. Felter nannte sie damals noch fence-bar. Seine Plättchen wandern allerdings seitlich. Durchgesetzt hat sich die Bauform erst in späteren Ausführungen, bei denen die Plättchen auf und ab laufen. Daran lässt sie sich am besten zeigen.
Im Holzmodell liegt eine Reihe flacher Plättchen nebeneinander, jedes senkrecht in einer Führung und darin auf und ab schiebbar. Am äußeren Rand sitzt eine V-förmige Kerbe, deren Höhe von Plättchen zu Plättchen unterschiedlich ausfallen kann. Daneben liegt eine Längsleiste mit einem keilförmigen Vorsprung an ihrer Innenseite. Solange auch nur ein Plättchen falsch steht, blockiert sein glatter Rand die Leiste. Sobald alle Kerben auf einer Linie stehen, findet der Keil seine Kerbenreihe.
Im Profilzylinder steckt diese Plättchen-Reihe im Zylinderkern. Statt der Stifte aus dem Grundbild sitzt im Kern eine Reihe flacher Plättchen aus gestanztem Messing oder Stahl, im Schlosserjargon Wafer. Die Sidebar liegt in einer Längsnut, federt nach außen und trägt innen den passenden Keil. Im Ruhezustand ragt ihre Außenkante über die Trennfuge in eine Längsnut im Gehäuse.
Stehen alle Wafer auf der richtigen Höhe, fluchten ihre Kerben in einer Linie mit dem Keil. Sobald der Schlüssel den Kern unter Drehspannung setzt, drückt die Drehkraft die Sidebar über die Schrägen nach innen. Der Keil gleitet in die Kerbenreihe, die Leiste gibt die Trennfuge frei, und der Kern dreht.
Die bekannteste Ausführung dieser Bauform kommt aus dem Automobilbau. John W. Fitz Gerald meldete sie 1934 zum Patent an, Anmelderin war die Briggs und Stratton Corporation. Ein Jahr später baute General Motors sie in seine Fahrzeuge ein. Sechs Wafer sitzen im Kern, in den späteren Ausführungen mit je fünf Schnitttiefen. Der Schlüssel sieht aus wie ein gewöhnlicher, einseitig geschnittener Waferschlüssel. Das Besondere steckt in der Feder. Sie drückt die Sidebar von sich aus nach innen statt nach außen, sobald der Weg frei ist. Das macht das Schloss widerstandsfähig gegen Manipulation, denn Drehspannung auf den Kern hilft hier nicht weiter. Die Leiste liegt von vorne praktisch unerreichbar, und wer am Kern dreht, bekommt keine Rückmeldung.


Die Dual-Action-Sidebar und die Medeco-Linie ab 1967
Stellen Sie sich eine Reihe Stifte vor, bei denen jeder zwei Bedingungen gleichzeitig erfüllen muss. Er muss auf die richtige Höhe kommen und sich dabei um einen bestimmten Winkel drehen. Nur wenn beides bei allen Stiften zugleich stimmt, kann die Sidebar einrasten. Das ist die Dual-Action-Sidebar in ihrer ursprünglichen Form.
Vier Konstrukteure aus Salem in Virginia, Spain, Oliver, Flora und Powell, meldeten dieses Prinzip 1967 zum Patent an. Daraus wurde die Marke Medeco. Jeder Stift trägt an seiner Flanke eine einzelne Nut und läuft unten in eine Meißelspitze aus. Die schrägen Schnittflächen im Schlüssel heben jeden Stift auf die richtige Höhe und drehen ihn dabei. Drei Winkel sind möglich, einer nach links, einer geradeaus, einer nach rechts. Im Seriezylinder liegen die beiden äußeren bei zwanzig Grad. Nur wenn Höhe und Winkel gleichzeitig stimmen, liegt die Nut genau dort, wo ein Zapfen der Sidebar hineingreifen kann.
Bo Widén meldete 1979 in Schweden einen anderen Weg zum selben Ziel an. Anmelderin war der schwedische Hersteller GKN Stenman, in Serie ging der Entwurf bei ASSA als ASSA Twin. Statt die vorhandene Stiftreihe zusätzlich drehen zu lassen, legte er eine zweite, parallele Reihe daneben. Diese fünf Stifte der zweiten Reihe, im Schlosserjargon Side-Pins, müssen nicht drehen, nur die richtige Höhe erreichen. Jeder trägt mehrere umlaufende Rillen, von denen nur eine die richtige Tiefe für den Kamm der Sidebar hat.
1986 meldete Widén in Schweden eine dritte Variante an, die beide Ideen verbindet. Schlage brachte sie als Primus in den Handel. Auch dort gibt es eine zweite Stiftreihe, ihre Stifte müssen aber zusätzlich zur Höhe noch drehen. Wieder sind drei Winkel möglich, hier fünfzehn Grad nach links, geradeaus oder fünfzehn Grad nach rechts. Diese Kombination erhöht den Widerstand gegen Picken und Impressionieren und vervielfacht die Zahl möglicher Schließungen.
Beim ASSA Twin hängt alles an der seitlichen Fräsung des Schlüssels. Die Zahl der Sidebar-Profile ist begrenzt, rund zweitausendachthundert werden gefertigt und regional vergeben. Wer den Code eines Schlosses vorher kennt oder den Schlüssel zu Gesicht bekommt, könnte sich theoretisch ein Werkzeug aus einem Rohling schleifen. Es legt allein die Sidebar still. Geöffnet ist das Schloss damit nicht, die Stifte müssen danach immer noch gepickt oder impressioniert werden. Ohne diese Vorkenntnis gilt der Zylinder als praktisch nicht zu picken. Die Hersteller dieser Familie vergeben die seitliche Fräsung deshalb vom Werk aus, bei Schlage auf einer Stufe sogar zufällig.

Die Magnet-Sidebar und die EVVA-Linie ab 1975
Stellen Sie sich zwei Reihen kleiner Magnetrotoren vor, links und rechts vom Schlüsselkanal. Jeder ist ein Scheibenmagnet, der sich frei dreht und acht Stellungen einnehmen kann. Fährt der Schlüssel mit seinen eigenen Magneten dazwischen hindurch, dreht sich jeder Rotor durch Anziehung und Abstoßung in seine Soll-Lage. Erst wenn alle Rotoren richtig stehen, geben sie zwei Sperrleisten frei. Das ist die Magnet-Sidebar. Sie ersetzt die Stiftzuhaltungen durch eine magnetische Codierung und behält die Leiste als mechanisches Sperrmittel bei. Etwas Mechanik braucht sie trotzdem, dazu gleich mehr.
Kurt Prunbauer meldete das Grundpatent 1975 für das österreichische EVVA-Werk an, ein Jahr später in den USA. Der Entwurf arbeitete noch mit sechs Magnetrotoren und fünf gewöhnlichen Stiftzuhaltungen. Die Serienausführung von 1979 ließ die Stiftzuhaltungen weg. Sie codiert über acht Magnetrotoren, vier auf jeder Seite des Schlüsselkanals, dazu kommen zwei Sperrleisten. Vier Magnete im Schlüssel bedienen die acht Rotoren, jeder von ihnen also ein Paar. Jeder Rotor besteht aus einem Magneten der Seltenerd-Legierung Samarium-Cobalt, die acht Stellungen liegen fünfundvierzig Grad auseinander.
Diese Bauform weicht vom Grundbild ab, denn die Leiste wandert nicht nach innen. Sobald der Kern dreht, legt eine Feder Längsspannung auf die beiden Leisten und drückt deren Zapfen gegen die Rotoren. Stehen alle Rotoren richtig, tauchen die Zapfen in die Aussparungen ein, und die Leisten schieben sich in Längsrichtung nach vorne. Neben den Magneten arbeitet im Kern noch eine zweite, rein mechanische Codierung über zwölf kleine Kugeln, die der Schlüsselrand betätigt. Beim Abziehen werden die Rotoren in zufällige Stellungen gedreht, ihre vorherige Lage lässt sich von außen nicht mehr ablesen.

Fragen zum Sidebar-Zylinder
Was ist überhaupt eine Sidebar in einem Profilzylinder?
Eine Sidebar ist eine Sperrleiste, die längs im Zylinderkern liegt und zusätzlich freigegeben werden muss, bevor der Kern dreht. Freigegeben wird sie von den Zuhaltungen, je nach Bauform sind das Stifte, Scheiben, Hebel, Plättchen oder Magnetrotoren. Bei einigen Bauformen kommt die Leiste zur gewöhnlichen Stiftreihe hinzu, dann muss der Schlüssel zwei getrennte Sperrwerke zugleich lösen. Bei anderen ersetzt sie die Stiftreihe ganz.
Warum reicht der richtige Schlüssel allein nicht, wenn die Sidebar zusätzlich eine Drehbewegung braucht?
Beim Großteil der Bauformen bewegt der Schlüssel die Sidebar nicht direkt. Ihre Bewegung kommt von der Drehkraft, die beim Aufschließen auf den Kern wirkt, und drückt die Leiste über eine schräge Flächenpaarung nach innen. Ob sie diesen Weg frei hat, entscheiden die Stifte, Scheiben, Hebel oder Plättchen im Kern. Bei einer Ausführung aus dem Automobilbau ist es umgekehrt, dort drückt eine Feder die Leiste von sich aus nach innen. Bei der Magnet-Bauform wandert sie überhaupt nicht nach innen, sie schiebt sich in Längsrichtung nach vorne.
Macht eine Sidebar Bumping unmöglich?
Ein Bump-Schlag wirkt auf die Stiftreihe und reißt dort für einen Moment einen Spalt auf der Trennfuge auf. Bei den Bauformen, bei denen die Leiste zusätzlich zur gewöhnlichen Stiftreihe an einem eigenen Satz Stifte hängt, spielen diese Stifte beim Schlag nicht mit. Beim ASSA Twin sitzen diese Side-Pins in Sacklöchern im Kern und haben gar keine eigene Trennfuge, auf die ein Schlag wirken könnte. Ein Freibrief ist das nicht, andere Pickingtechniken können trotzdem angreifen.
Warum ist ein Sidebar-Zylinder bei einer Türöffnung schwerer zu knacken?
Bei den Bauformen, bei denen die Leiste zur gewöhnlichen Stiftreihe hinzukommt, müssen zwei getrennte Sperrwerke gleichzeitig gelöst werden. Bei der Medeco-Bauform muss dieselbe Stiftreihe Höhe und Winkel zugleich treffen. Bei den übrigen muss jede einzelne Zuhaltung ihre Aussparung genau vor die Leiste stellen, bevor diese sich überhaupt bewegen kann. Das macht gewöhnliches Picken deutlich aufwendiger, und eine zerstörungsfreie Öffnung kann daran scheitern.
Bei einer Türöffnung mit einem hochwertigen Sidebar-Zylinder rechne ich deshalb mit dem Austausch des Zylinders statt mit einer reinen Picking-Öffnung. Wie ich in meiner Stuttgarter Praxis genau vorgehe, bespreche ich vorab am Telefon.
Quellen
Sidebar-Gründungspatente:
US 167.088, Philo S. Felter, 1875
US 1.514.318, Emil Wilhelm Henriksson (Rechte an Josef Herman Nordqvist), angemeldet 1919, erteilt 1924
DE 295.060 (Zusatz zu DE 294.420), Firma Laurent Fraigneux, Lüttich, Jahre nicht ausgewiesen
UK 178.284, Émile Fraigneux, angemeldet 1921, erteilt 1922
DE 323.580, Carl Kaestner AG, angemeldet 1918, erteilt 1920
US 1.965.336, John W. Fitz Gerald / Briggs und Stratton, 1934
US 2.070.233, Samuel A. Liss / Briggs und Stratton, Teilanmeldung 1934, erteilt 1937
Fichet 484 und die Wippen-Vorläufer:
FR-Priorität 1949, UK 678.123, Société Fichet Beau et Cie, angemeldet 1950, erteilt 1952
US 408.147, Thomas Taylor / Norwalk Lock Company, 1889
US 1.498.047, Charles Ledin / Yale und Towne, angemeldet 1923, erteilt 1924
BiLock-Linie:
Australische Priorität 1981, US 4.478.061, Brian F. Preddey / Taboola Pty. Limited, angemeldet 1982, erteilt 1984
Medeco-Linie:
US 3.499.302, Spain/Oliver/Flora/Powell, angemeldet 1967, erteilt 1970
US 3.722.240, Spain/Oliver, angemeldet 1971, erteilt 1973, 1984 an Medeco Security Locks übertragen
ASSA-Schlage-Widén-Linie:
US 4.356.713, Bo G. Widén / GKN Stenman AB, schwedische Priorität 1979, angemeldet 1980, erteilt 1982
US 4.756.177 und US 4.815.307, Bo Widén / Widén Innovation AB, schwedische Priorität 1986, angemeldet 1987, erteilt 1988/1989
EVVA-Patentlinie:
AT 5119/75, Kurt Prunbauer / EVVA-Werk, angemeldet 1975, erteilt 1978 als AT 341.901
US 4.084.416, Kurt Prunbauer / EVVA-Werk, angemeldet 1976, erteilt 1978
Bücher, Hersteller, Register und Begriffsbelege:
Graham W. Pulford, High-Security Mechanical Locks, An Encyclopedic Reference, Butterworth-Heinemann/Elsevier 2007
Marc Weber Tobias, Locks, Safes and Security, An International Police Reference, 2. Auflage, Charles C Thomas 2000
Abloy Oy, Produktbroschüre Protec2 Europrofile DIN cylinders, 2022
DOM Sicherheitstechnik, Mechanik-Broschüre, Glossar
CES C. Ed. Schulte, Systemblatt System WD
EVVA, Produktseite und Systemprospekt MCS
Fichet Bauche, Firmenhistorie
DE 3.835.816 A1, Erich Mundhenke, angemeldet 1988, offengelegt 1990, Anmeldung zurückgenommen (Beleg für „Trennfuge")



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